Disney+ baut seine App in den USA um: Mit „Verts“ führt der Streamingdienst einen vertikalen Kurzvideo-Feed ein, der sich wie bei TikTok per Wischgeste durchscrollen lässt. Nutzerinnen und Nutzer sehen kurze Szenen und prägnante Momente aus Filmen und Serien – und können mit einem Fingertipp entweder den Titel auf die Merkliste setzen oder direkt die komplette Folge beziehungsweise den Film starten.
Der Schritt ist mehr als ein neues Bedien-Element. Disney reagiert damit auf einen Trend, der längst über soziale Netzwerke hinausgewachsen ist: „Endlos-Scrollen“ gilt als Rezept, um Apps häufiger zu öffnen und länger zu nutzen. Für Disney+ bedeutet das: Die Plattform soll auf dem Smartphone nicht nur abends zur „Fernsehzeit“ stattfinden, sondern auch zwischendurch – ähnlich wie ein täglicher Nachrichten- oder Social-Feed.
„Verts“ startet mobil – und bekommt einen prominenten Platz in der App
„Verts“ wird zunächst in den USA ausgerollt und ist ausschließlich in der mobilen Disney+-App auf iOS und Android verfügbar. Der Zugang erfolgt über ein eigenes Symbol in der Navigationsleiste – also dort, wo sonst zentrale Bereiche wie Startseite oder Suche liegen. Disney versteckt das Feature nicht in Untermenüs, sondern macht es zu einem festen Bestandteil der Nutzerführung.
Inhaltlich setzt Disney zum Start auf Material aus dem bestehenden Katalog: kurze Ausschnitte, Schlüsselszenen und „Momente“, die ohne langen Trailer oder ausführliche Detailseite sofort einen Eindruck vermitteln sollen. Das Ziel ist klar: weniger Hürden zwischen „Ich stöbere“ und „Ich schaue“ – gerade auf dem Smartphone, wo klassische Kachel-Ansichten und lange Inhaltsbeschreibungen oft weniger gut funktionieren.
Entscheidend ist die Verknüpfung von Kurz- und Langformat. Wer einen Clip sieht, kann den Titel speichern oder unmittelbar in die Vollversion springen. Für Disney ist das ein Hebel, um aus passivem Scrollen messbare Nutzung zu machen – also Wiedergaben, Sehdauer und letztlich Bindung an den Dienst.
Warum Disney auf den Feed setzt: Der Kampf um Aufmerksamkeit und „Entdeckbarkeit“
Streamingdienste haben ein strukturelles Problem: Die Kataloge sind riesig, doch viele Abonnenten klagen, sie fänden „nichts“. Ein Kurzvideo-Feed dreht die Logik um. Statt aktiv nach Genre, Schauspielern oder Stichworten zu suchen, konsumieren Nutzer zunächst passiv Ausschnitte – und entscheiden dann aus dem Bauch heraus, ob sie dranbleiben.
Disney positioniert „Verts“ deshalb als Beschleuniger für die Entdeckung von Inhalten aus mehr als 100 Jahren Konzernproduktion. In der Praxis ist es auch ein Mittel, ältere Titel wieder sichtbar zu machen, die in klassischen Startseiten-Rubriken schnell nach unten rutschen.
steckt in dieser Mechanik ein bekanntes Risiko: Je besser ein Feed „funktioniert“, desto stärker kann er Nutzer in immer gleiche Markenwelten lenken. Wer zwei Marvel-Clips schaut, bekommt womöglich Marvel – und weniger Nischen- oder Katalogtitel. Welche Leitplanken Disney gegen solche Empfehlungs-Echokammern einzieht, ist bislang offen.
Ein Algorithmus soll „Verts“ tragen – Disney verweist auf erste Tests
Disney betont, der Feed werde durch einen fortgeschrittenen Empfehlungsalgorithmus personalisiert. Das ist der Kern des Versprechens: Nicht das Hochkantformat allein soll Menschen zurückbringen, sondern die Trefferquote – also wie gut der Feed schnell lernt, was jemand überspringt, erneut ansieht oder bis zum Ende schaut.
Der Konzern verweist auf Tests, die bereits im August auf Disney+ sowie beim Sportsender ESPN liefen und zusätzliche Interaktionen ausgelöst hätten. „Engagement“ kann dabei vieles bedeuten: häufigeres Öffnen der App, längere Verweildauer, mehr Einträge auf der Merkliste oder mehr Starts kompletter Inhalte nach einem Clip.
Für Disney ist das strategisch relevant: In einem Markt, in dem Kündigungen („Churn“) ein Dauerproblem sind, zählt jede Gewohnheit. Ein Feed, der sich in drei Minuten in der U-Bahn konsumieren lässt, kann die App zur täglichen Routine machen – und damit die Wahrscheinlichkeit senken, dass Abonnenten den Dienst als verzichtbar einstufen.
Netflix hat es vorgemacht – Streamingdienste übernehmen Social-Media-Mechaniken
Disney ist mit dem Ansatz nicht allein. Netflix hat bereits mit einem vertikalen Clip-Feed experimentiert, der ebenfalls das schnelle Entdecken auf dem Smartphone erleichtern soll. Die Branche übernimmt damit bewusst Bedienmuster aus TikTok und Instagram Reels: kurze Häppchen, unmittelbare Belohnung, endloses Weiterwischen.
Für Disney ist das auch ein Marketinginstrument. Ein Clip im Feed ist faktisch eine Mini-Werbung – nur eben so verpackt, dass Nutzer sie aktiv „anwählen“, statt sie als vorgeschalteten Trailer ertragen zu müssen. Ob das dauerhaft funktioniert, hängt davon ab, wie abwechslungsreich der Feed bleibt. Wenn er Neuheiten und Blockbuster nach vorne schiebt, droht schneller Ermüdungseffekt.
Die zentrale Gratwanderung: Zu viel Scrollen kann Sehdauer im Langformat kannibalisieren, zu wenig Scrollen verfehlt den Zweck als täglicher Einstieg. „Verts“ ist genau auf dieser Linie positioniert – als Rampe in den Katalog, nicht als Ersatz für Serien und Filme.
ESPN als Testfeld, Hulu als Baustein: Disney denkt in einem Plattform-Ökosystem
Dass Disney das Konzept zuerst bei ESPN erprobte, ist naheliegend: Sport eignet sich für Kurzformate, weil Highlights in Sekunden funktionieren. Die Übertragung auf fiktionale Inhalte ist schwieriger – ein Clip muss neugierig machen, ohne zu spoilern oder eine Serie auf einen einzigen Gag zu reduzieren.
Disney erklärt die Personalisierung greife auf Inhalte aus Disney+, Hulu und ESPN zurück. Hulu ist in den USA ein wichtiger Streamingdienst im Disney-Konzern, der stärker auf erwachsene Serien und TV-Inhalte setzt. Für deutsche Nutzer ist das nur indirekt relevant: Hierzulande bündelt Disney viele vergleichbare Inhalte unter dem „Star“-Bereich innerhalb von Disney+.
Der Ansatz zeigt, wohin die Reise geht: Disney will seine Dienste nicht als getrennte Inseln betreiben, sondern als vernetztes System, das Vorlieben erkennt und Inhalte über Marken- und Genregrenzen hinweg ausspielt – sofern Rechte und technische Integration das zulassen.
Ausblick: Creator-Inhalte und KI-Pläne – aber hohe Hürden bei Kontrolle und Moderation
Disney stellt „Verts“ als Startpunkt dar und bringt bereits Erweiterungen ins Spiel: perspektivisch könnten auch Inhalte von Creatorn rund um Disney-Fangemeinden integriert werden. Damit würde sich das Projekt verändern – weg vom reinen Entdeckungswerkzeug hin zu einem kuratierten, teils extern befüllten Feed. Genau dort beginnen die klassischen Probleme: Marken- und Jugendschutz, redaktionelle Auswahl, Rechtefragen und Moderation.
Zusätzliche Brisanz bekommt das Thema durch Überlegungen zu generativer KI. Disney hat auch OpenAI und das Videomodell Sora erwähnt – mit der Idee, kurze Clips mit lizenzierten Figuren zu ermöglichen, teils ist von mehr als 200 Charakteren die Rede. Das könnte Fan-Kreativität in kontrollierte Bahnen lenken, wirft aber sofort Fragen nach Freigabeprozessen, Missbrauch und Verantwortlichkeiten auf.
Konkreter wirkt ein anderer Weg: Disney experimentiert bereits mit eigens für Hochkant produzierten Inhalten, etwa mit dem Format „Locker Diaries“. Ob daraus ein regelmäßiges Angebot wird, hängt am Ende an Aufwand und Akzeptanz. Denn ein täglicher Feed braucht Nachschub – und der darf nicht wie eine endlose Werbeschleife wirken, wenn Disney+ damit zur „Alltags-App“ werden will.
Wichtige Punkte
- Disney+ führt Verts in den USA ein, einen vertikalen Feed, der auf Mobilgeräten über ein eigenes Symbol zugänglich ist.
- Das Produkt verbindet kurze Clips und längeres Ansehen über Watchlist und Direktwiedergabe, gesteuert von einem Empfehlungsalgorithmus.
- Disney spricht von einer Ausweitung auf Creator-Inhalte und andere Formate, verbunden mit Fragen der Moderation und Kohärenz.
Häufig gestellte Fragen
Ist Verts auf TV und im Browser verfügbar?
Nein. Der Start betrifft die mobile Disney+-App in den USA, auf iOS und Android. Disney stellt Verts als Mobile-first-Erlebnis dar, mit Zugriff über ein Symbol in der Navigationsleiste.
Was kann man aus einem Verts-Video heraus machen?
Beim Scrollen durch den Feed kann man einen Film oder eine Serie zur Watchlist hinzufügen oder direkt aus dem Clip zur Wiedergabe des vollständigen Titels wechseln.
Enthält Verts bereits von Nutzern erstellte Inhalte?
Nein, nicht zum Start. Disney gibt an, dass der Feed zunächst mit Ausschnitten aus Disney+-Inhalten beginnt, mit der Absicht, später auf Creator-Inhalte und andere Formate zu erweitern.
Nutzt Disney Hulu und ESPN in Verts?
Disney gibt an, dass die Personalisierung von Verts auf Inhalten aus Disney+, Hulu und ESPN basiert und dass vor dem Rollout Tests auf Disney+ und ESPN durchgeführt wurden.
Quellen
- Disney+ is rolling out its TikTok-like 'Verts' short-form video feed
- Disney+ Sets Vertical Video Launch With Verts – MovieWeb
- Disney+ adds 'Verts' with vertical video movie clips, more
- Need Another Place to Scroll? Disney+ Adds TikTok-Like … – PCMag
- Disney+ Officially Launches Vertical Video Feature
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